MUSICAL – EINE LEIDENSCHAFT

Copyright: Andrea Peller

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© Peter KURZ/CONTRAST – CON 1124 – Wien, 1988 – Musical „Das Phantom der Oper“ mit Luzia NISTLER und Alexander GOEBEL. BŸhne, AuffŸhrung. – 20041214_PD3656

Musical ist Teil meines Lebens und damit hätte ich nie gerechnet.

Meine Musik-Chromosomen hießen Elvis, Conny, und der Arbeiterchor, damit bin ich aufgewachsen.                                      Wiesbaden, Mai 1974, mein erstes Musical-Erlebnis: Jesus Christ Superstar – der Film. Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt nicht was ein Musical ist, noch nie eines gesehen, aber davon gehört. „West Side Story“ und „Hair“ waren Titel, die man kannte, alles andere hielt ich für Operette.

Da saß ich also im Walhalla-Kino in Wiesbaden, sah „Jesus Christ Superstar“ und war total erstaunt. Ich wusste nicht, dass man einen gesprochenen Satz einfach weitersingen darf. Und die haben nicht irgendein altes Zeugs gesungen wie „Hello Dolly“ und so, sondern echt coole Rockmusik. Der Film fängt an und zeigt eine Gruppe Hippies in einem Hippie-Bus die in die Wüste fahren, um dort ein Musical aufzuführen, eben JCS. Das fand ich total geil. Ich wollte in diese Gruppe, in diesen Bus, in diese Wüste. Ich hatte keine Ahnung, dass ich mir all diese Wünsche sehr bald selbst erfüllen sollte.                                                                                                                                                                                                                 Ich sag zu Heidi: „Ich will da hin.“ Sie sagt: „Das ist die Wüste Negev in Israel.“ Ich sag: „Nein, nicht die Wüste… also ja schon, aber in diese Gruppe, das sind echte Hippies!“ Sie sagt: „ Andy, wir SIND Hippies, schau uns an…“ Ich sag: „Ja schon, aber ich will da mitmachen, ich find das total ausgeflippt wie die so spielen und singen, das ist total meins.“

Sie sagt: „Das sind keine Hippies, das sind Schauspieler, die spielen nur Hippies und kriegen viel Geld dafür.“ Ich sag: „Was? Geld auch noch? Jetzt will ich das wirklich! Wie kommt man da rein?“ „Schauspielschule.“  „Wo denn? Gibt’s hier eine in Wiesbaden?“ „Ja klar, aber die ist nicht so gut, die in Berlin ist super, Hamburg auch, und Wien, das sind berühmte Schauspielschulen, aber da muss man eine Aufnahmeprüfung machen, das weißt du schon, oder?“ „Ja wie, ist das schwer?“ „Ich glaube schon.“ „Scheiße.“ „Das schaffst du, wenn du das wirklich willst, du hast ja Talent.“ „Okay, dann mach ich das.“ Der Rest ist Goebel-Geschichte.

Und es ist sich ganz knapp nicht ausgegangen, dass JCS auch wirklich mein erstes Musical auf der Bühne wurde. Es wurde auf jeden Fall meine erste Audition. Der Erfinder des Musical-Theaters in Wien, Prof. Rolf Kutschera, Gott hab ihn selig, sah mich in meiner ersten klassischen Rolle als Mercutio in Romeo und Julia am Volkstheater in Wien und rief mich am nächsten Tag an. Er sagte die historischen Worte: „Können Sie sich Musical vorstellen?“ Ich sagte: „Na klar, wieso?“ „Wir spielen JCS und ich möchte, dass Sie zum Vorsingen kommen.“

Ein Wahnsinn! Ausgerechnet JCS war also meine erste Chance im Musical, ich war begeistert und verängstigt, ich hatte ja noch nie irgendwo vorgesungen. Und dann gleich im Theater an der Wien, dem Hohen Haus der Musik, ich hatte die Musical-Hose voll. Tag der Audition, 11:00 Uhr Vormittags, so überhaupt nicht meine Zeit zum Singen, aber ich stand jetzt auf der leeren Bühne des Theaters an der Wien, Spot auf mich, im Zuschauerraum tiefschwarze Nacht. Und ich wusste da unten sitzen irgendwo Menschen, die darüber entscheiden ob ich hier mitmachen darf oder nicht.

Ein Sekunden-Gebet Richtung Himmel: Lass mich gut sein, ich will ja nur dabei sein, ich wär so gern ein Apostel!“ Dann ging es los. Ob es nun die Bescheidenheit im Gebet war oder das berühmte zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, keine Ahnung, aber ich war gut, ich war richtig gut. Song zu Ende und lange nichts. Ich stand da oben wie abgestellt, wollte schon abgehen, aber der Inspizient deutete mir ich solle auf der Bühne bleiben. Ich wartete, worauf wusste ich nicht. Gemurmel, deutsch, englisch, dann eine amerikanische Stimme aus den Tiefen des Zuschauerraums: „Hi, Alex, can you do something from „Evita“?“

Und jetzt kommt`s: Mein Freund Adrian Manz, mit dem ich mich für das Vorsingen vorbereitet hatte, ging mir schon die ganze Zeit auf die Nerven mit diesem „Evita“. Er wusste, dass diese Produktion kommen sollte und drängte mich so lange bis ich einwilligte eine Nummer aus „Evita“ einzustudieren, nur damit er Ruhe gibt. Jetzt aber, allein auf der leeren Bühne des Theaters an der Wien, wurde mir mit einem tiefen Gefühl in der Magengrube schlagartig klar, dass es sich nichts anderes als Vorsehung war.

Die Stimme aus dem Publikum war George Martin, der Assistent von Harold Prince, Regisseur von „Evita“ und so nebenbei der erfolgreichste Broadway – Produzent. Eine Legende. „Yes, Sir!“ Mein Ché ist an diesem Vormittag zynisch, wütend und verletzt und mitten im Song erscheint George Martin aus der Dunkelheit und unterbricht mich. Ich denke mir: „Wow, die sagen dir persönlich wenn du’s verschissen hast.“ Er aber sagt: „Listen, Alex, don’t hold back with the acting. Show me the meaning of your words.“ Meine erste Musical-Regieanweisung ever, und auch die beste.

Song Ende. Wie in Zeitlupe kommen zwei Gestalten zur Bühne, einer lächelt, der andere ist ernst. Mein Herz klopft mörderisch. Der Lächler ist George Martin und umarmt mich einfach: „Congratulations! You’re marvelous!“  „Thank you…..Sir!“

Der andere ist Rolf Kutschera und der sagt jetzt in dem Bewusstsein, dass ich auf ewig seine Entdeckung bleiben werde: „Herzlich Willkommen im Theater an der Wien, Sie sind gerade unser Che geworden…“ Und ich: „Ach so? Wow, danke! Ja….und was ist mit „Jesus Christ Superstar?“ Jeder andere wäre vor Freude auf die Knie gegangen und hätte auf Superstar sofort vergessen, aber ich war naiv und auch etwas deutsch, ich wollte Ordnung, auch weil ich zu sehr verbunden war mit diesem Musical. Der Direktor sieht mich fest an und sagt: „Mein Lieber…“, eine Anrede, die ich noch sehr oft von ihm hören sollte, „… wenn Sie wollen, sind Sie unser Judas.“

Das war’s, jetzt ging ich also in die Knie. Nur ganz kurz, bereits auf halber Höhe hatte ich mich wieder im Griff, aber ich war echt überwältigt. Meine allererste Audition und gleich zwei Hauptrollen, ein Wahnsinn! Es sollten sogar drei werden. Am nächsten Tag rief mich Direktor Kutschera an, ich möge doch den „Jesus“ als Zweitbesetzung auch gleich lernen. Na klar, wird gemacht, yes Sir! Ich fühlte mich unbezwingbar und hätte ihm auch noch den Hamlet für die Sonntags-Matineen einstudiert. Ein phantastischer Beginn einer phantastischen Geschichte, die 40 Jahre dauern sollte: Musical!