Fussball-WM 2018 – ein Konflikt!

02.06.2018

Identität ist die Kraft zur Wandlung, die sich aus der sicheren emotionalen Zugehörigkeit ergibt.

Es verändert sich was im Land. Umso erstaunlicher, dass es in Österreich immer noch Leute von vorgestern gibt, die ihrer Häme freien Lauf lassen darüber, dass die deutsche Mannschaft bei der WM ausgeschieden ist. Als gäbe es nichts Wichtigeres. Da steht diese wunderbare und einzig richtige Idee Europa gerade auf der Kippe, weil ein Flächenbrand des Nationalismus lodert, und hier treten ein paar Übriggebliebene auf ihre Nachbarn ein.

Psychologisch eine klare Übertragung der eigenen Existenzängste auf den großen Bruder. Man braucht ihn als Verbündeten, als Vorbild, als Kunden und Arbeitgeber, will sich aber nicht in Abhängigkeit wissen. Also baut man eine künstliche Distanz auf, durch negative Gefühle gegen just jene Menschen, mit denen man alles teilt: Sprache, Bürokratie, Philosophie, Kunst, Kultur, und die eigene Geschichte.

Der Sturm der Schadenfreude ist jedesmal bemerkenswert. Wie gesagt, die überragende Mehrzahl der ÖsterreicherInnen ist bereits im neuen Jahrtausend angekommen und empfindet sich als moderne Europäer mit österreichischen Wurzeln. Aber die Haltung der Übriggebliebenen wird seltsamerweise dennoch akzeptiert.  Rassismus light. Es geht ja nur gegen die Deutschen, die halten das schon aus. Frage ich nach, höre ich: „Aber nicht du, du bist ja schon so lang hier, du bist ja einer von uns. Deine Landsleute sind gemeint.“ Ach so. Verstehe. Na dann… Als würde das etwas ändern.

Erstaunlich, dass es überhaupt noch so viele altmodische Menschen gibt. Und warum freuen die sich, wenn gerade den Deutschen etwas Schlechtes passiert? Sie fahren deutsche Autos, arbeiten für deutsche Unternehmen, schauen deutsches Fernsehen. Es handelt sich wahrscheinlich um Meme, also Denk-und Handelsweisen, die unbewusst von einer zur nächsten Generation übertragen werden. Wenn das ungeprüft passiert ist es gefährlich. Wir Deutschen haben allen Grund dazu hier aufmerksam zu sein, haben wir doch die antisemitische Haltung schon Generationen vor dem Nationalsozialismus als Meme übernommen und weitergegeben, nur so konnten sie von den Nazis zur Staatsmaxime erhoben werden. Der Rest ist grausame Geschichte.

Hier liegt auch ein wesentlicher Teil des Phänomens der Ö-Aversion gegen Deutsche verborgen. Die Tatsache, dass Österreich nach der nationalsozialistischen Katastrophe keine (oder nur sehr wenig) Trauerarbeit geleistet hat, dass man sich bereits Ende Mai 1945 darauf einigte das wehrlose Opfer der Nazis gewesen zu sein und keineswegs ihr willfähriger Partner, das hat dazu geführt, dass manche sich selbst nach 70 Jahren noch von den Nachkommen der  Täter emotional distanzieren müssen. Wer nach außen haut, muss nicht nach innen schauen.

Schadenfreude ist ein Kreislauf, der zurückwirft was man reingibt. Jedes Mal wenn Dampfkocher-Mitbürger versuchen, ihren eigenen Angstdruck durch zelebrierte Häme zu lindern, legt das den dahinterliegenden geschichtlich-emotionalen Konflikt schmerzhaft offen, und der muss dann wieder mühsam unterdrückt werden. Heftiger Preis für einen Sekundenflash Schadenfreude. Die Veröffentlichung der Verzweiflung.

Fußball bietet sich hier deshalb so an, weil natürlich alle wissen, dass keine Ö-Mannschaft den Deutschen jemals das Wasser reichen kann. Das hat jetzt einigen Lesern wehgetan, ich weiß, aber gute Freunde ersparen sich nichts, schon gar nicht die Wahrheit. Es brauchte 40 Jahre und eine emotional total verstörte deutsche Mannschaft samt überheblichen Trainer, damit Österreich wieder mal gegen Deutschland gewinnen konnte. Ein erstes Hinweisschild im Vorfeld der WM, das weder Löw noch die Mannschaft lesen konnten oder wollten. Im Entertainment wie im Sport ist es immer verhängnisvoll an seinen eigenen Mythos zu glauben.

Natürlich hatte diese saublöde Erdoğan-Aktion der beiden Hymnen-Verweigerer Özil und Gündoğan die ganze Mannschaft verunsichert. Da geht es um Werte, es ist eben die Nationalmannschaft. Und als die beiden Unentschlossenen sich sichtbar halbherzig für ein Foto auch noch neben den deutschen Bundespräsidenten stellten, war die emotionale Katastrophe beschlossen.

Das hat die Atmosphäre in der Mannschaft gekillt, da entstand ein Werte-Vakuum und allen war klar, dass die beiden politisch ahnungslosen und enorm schlecht beratenen Kicker emotional mächtig unter Druck stehen würden. Und so war dann auch die Leistung. Gestörte Identität durch Werteverwirrung. Das lähmt.

Österreich dürfte eigentlich keine offenen Identitätsfragen haben, gehört doch der Vormittag des ersten Tages eines jeden neuen Jahres global und multimedial diesem wunderbaren Land, ungefährdet und unbestritten. Seit Freddy Quinn ist deutsches Entertainment ohne österreichische Künstler nicht vorstellbar, ebenso im Fußball. Nahezu jedes Spitzenhotel der Welt hat ÖsterreicherInnen im Topmanagement sitzen und die Kreuzfahrtschiffe wären ohne Ö-KnowHow verloren. Gesund, sicher, sauber, wunderschön, einzigartig, und mitten in Europa.

Neulich traf ich in der Früh im Wald einen jungen Mann, etwa 15, mit seinem Hund. Wir sprachen kurz über unsere Hunde und das Phänomen, dass sie sich riechen können oder eben nicht. Ich hätte schwören können, der Junge kommt aus Hannover, Cuxhaven oder Lünen. Aber er ist Niederösterreicher und hat mit Häme gegen Deutsche nix am Hut. Weil er nachfragt, weil er sich als österreichischer Europäer empfindet, weil er von heute ist.

Hoffnung ist der Motor der Veränderung. Auch in der deutschen Nationalmannschaft.