VW – atemlos durch die Macht!

27.04.2015

VW – atemlos durch die Macht. Mit Ferdinand Piech’s Abgang ist der Philosophie-Change im Konzern VW hoffentlich eingeläutet und man darf gespannt sein wie er ihm bekommt. An dieser Geschichte sollten sich all jene Unternehmen und Führungspersönlichkeiten ein Beispiel nehmen, die immer noch glauben man könne grundlegende emotionale Probleme aussitzen, weil sie jetzt sehen was passieren kann, wenn Einzelne versuchen die Zeit still stehen zu lassen. Wobei es ja durchaus verständlich ist, wenn jemand auf einen Weg, eine Philosophie und eine Unternehmenskultur besteht, die sich in der Vergangenheit einmal bewährt hat. Immerhin hat Piech VW zu einem Multi-Marken-Konzern gemacht, mit VW, Seat, Audi, Bugatti, Lamborghini, Porsche, usw. Auf der anderen Seite hat Piech’s Enemi de Jour Martin Winterkorn den Konzernumsatz nahezu verdoppelt. Darum kann es also nicht gehen. Aber worum geht’s denn in Wolfsburg? Um das Ende von rigoros macht-orientierter Führung, um den Abgesang des unternehmerischen Patriarchats, um den letzten Auftritt eines erfolgreichen Wirtschaftsbosses, der nicht lassen will von Angst als Produktivitätsmotor. Einer der Stechuhr und Sprechverbot als Glaubenssatz in sich trägt ist in einer Zeit, in der Innovation alles ist, nicht nur ein fataler Irrtum sondern regelrecht existenzgefährdend für das Unternehmen. Und so ist auch das taktische Vorgehen des Vorstands und seiner Gremien in dieser traurigen Causa zu verstehen.

Im öffentlichen Clash zwischen überholter Unternehmensphilosophien und modernen unternehmerischen Denkweisen hat Ferdinand Piech alles riskiert und schließlich verloren. Angst, Unterdrückung, feudales Auftreten, Monomanie, und was ihm sonst noch alles an Führungs-Antiqitäten vorgeworfen wird, waren durch seine Person, sein Auftreten und sein Leadership-Verständnis lange genug fest im Konzern verankert. Vielleicht war VW seit Jahren nicht wegen, sondern trotz Piech erfolgreich und man hat, wie es leider noch in vielen Unternehmen stattfindet, eine versteckte Doppelmoral gelebt, strategisch und unternehmerisch: „Der Alte“, wie er wohl weniger liebevoll als verächtlich genannt wurde, war vielleicht weniger respektiert als mehr gefürchtet, man versuchte vielleicht sogar jahrelang sowohl der Lex Piech als auch den Gesetzen des modernen Managements zu entsprechen, eine anstrengende Gratwanderung, die nicht ewig funktionieren kann.

Und jetzt sind die Dinge eben eskaliert und Piech hat sein Waterloo. Er übernahm in diesem High Noon – Showdown („Dieser Vorstand ist zu klein für beide von uns…“) die Hauptrolle, denn er war sich offenbar vollkommen sicher, dass er, seine Philosophie, und seine Bewertungen obsiegen werden. Aber es sind keine Meinungsverschiedenheiten und Befindlichkeiten um die es hier geht, und auch nicht die offenbar verweigerte Dankbarkeit eines ehemaligen Kronprinzen, der zu mächtig geworden ist. Nein, hier geht es ums Konzern-Eingemachte, um den Einstieg ins Zeitalter der IT-Autos, der Selbstfahrer, der Karossen die keinerlei persönlichen Statuswert mehr haben werden sondern wirklich nur noch von A nach B bringen, und zwar ohne Beteiligung des Fahrers. Dieser Mega-Change wird die ganze Industrie verändern und die emotionalen Dimensionen gilt es zu bedenken und unternehmerisch zu verwerten.

Dramen wie Caesar Piech und Brutus Winterkorn verbrauchen viele Ressourcen, sind pures Gift für eine Unternehmenskultur und können die Marke beschädigen, von HR bis Börse. Aber was tun? Den Enkel des VW-Erfinders zu ehren und zu respektieren, der unbestritten sehr viel für den Konzern getan hat, das gebietet schon allein der Anstand. Einen Mann, der durch sein Auftreten stets an jene Werte erinnert hat, die einmal als Tugenden erfolgreichen deutschen Unternehmertums galten, den kann man eben nicht so einfach in Pension schicken. Um dieses klärende Gespräch, in dem deutlich gemacht wird, dass er seinen Zenit überschritten habe und es Zeit sei sich zurückzuziehen, hat sich wahrscheinlich nicht gerade der gesamte Vorstand beworben.

So gesehen war das was jetzt passiert ist die logische Konsequenz. Piech hat sich selbst erledigt und es scheint, als ob die Abfolge weit weniger zufällig als vielleicht sogar machiavellisch klug geplant gewesen sei. Das auffällige Schweigen des attackierten Martin Winterkorn (wir wissen immer noch nicht was genau der Zankapfel war) spricht dafür, dass es möglicherweise einen geheimen Masterplan gegeben hat, einen der von Anbeginn darauf ausgerichtet war, Piech an seiner eigenen Philosophie scheitern zu lassen. Ich kann mir vorstellen, dass ihm das Gefühl vermittelt wurde, dass man ihm auch diesmal in der Causa Winterkorn folgen würde, so wie so oft zuvor, wir erinnern uns an die Causa Pischetsrieder.

Die Marke VW ist beschädigt, 600.000 MitarbeiterInnen und 200 Milliarden Umsatz sind scheinbar kein Garant dafür, dass solche emotionalen Auseinandersetzungen intern geklärt werden, wie es sich für ein solches Unternehmen geziemt. Elegant sind hier offenbar nur die Anzüge der Vorstände, das Benehmen erinnert eher an Römische Intrigenspiele als an ein Weltunternehmen. Daran konnte wohl auch die Politik nichts ändern, das Land Niedersachsen hält immerhin 20% Anteile am Konzern und hat entsprechende Shareholder Power. So aber muss ein ganzer Konzern leiden und nun einen Imageverlust mühsam aufarbeiten, nur weil man einem alten Mann der die Zeichen der Zeit nicht erkennen will erlaubt hat, seine kindischen Spiele in aller Öffentlichkeit durchzuziehen. Möge der Spuk jetzt vorbei sein und möge man Ferdinand Piech nunmehr seinen Ruhestand so angenehm wie möglich gestalten, er soll überhäuft werden mit Orden und Lebenswerk-Ehrungen.

Was lernen wir? Wenn wir uns nicht pro-aktiv, offen und ehrlich um die emotionalen Agenden eines Unternehmens kümmern, wie etwa veraltete Führungsphilosophien, dann übernehmen diese und sorgen für weitaus mehr Schaden als jedes harte, sachliche und konfrontative Gespräch anrichten hätte können. Niemand kann es sich mehr leisten emotionalen Feudalismus stillschweigend in seinem Unternehmen zu akzeptieren, egal ob VW oder eine VW-Werkstatt, in der Hoffnung, dass sich das Problem irgendwann von selber löst. Wird es nicht. Respekt und Anerkennung sind Tugenden die es wahrlich zu pflegen gilt, aber nicht grenzenlos und schon gar nicht unter Gefährdung von Image und Reputation eines Konzerns wie VW.

Wir suchen Persönlichkeiten die sich trauen einen solchen Konflikt offen anzugehen, auch mit dem Risiko selbst in den Bannstrahl eines Piech zu geraten. Wir suchen Leader denen wir auch in emotionalen Angelegenheiten zutrauen und vertrauen können, im Sinne der Unternehmenswerte und der Werte eines Unternehmens zu denken und zu handeln. Wir suchen Menschen die einen Konzern emotional begreifen und ein Radar für Gefahr haben, die nicht warten bis die Katastrophe in Sichtweite ist. Bis wir die gefunden haben, fahren wir weiterhin atemlos durch die Macht.

Alexander Goebel, Sinnmacht