Symbolkraft und Sinn!

27.07.2015

goebel_BlogSymbolkraft und Sinn.

Columbia, Hauptstadt von South Carolina, USA. Die traditionelle Flagge der Südstaaten aus dem Bürgerkrieg, das Symbol das von jeher die Sklaverei verherrlichte, wurde endgültig vom Dach des Regierungsgebäudes genommen und ins Museum gebracht. Das nahmen die Rechten, die Rassisten, der Ku Klux Klan dankend an, um wieder eine Bedrohung draus zu machen.

Die Bedrohung ist das Grundnahrungsmittel der Gestrigen, daran sind sie zu erkennen, ohne Bedrohung ergeben sie keinen Sinn. Deshalb sind sie ja auch ständig auf der Suche nach Bedrohungsszenarien, und manchmal sind keine da oder die Menschen haben sich schon daran gewöhnt. Das ist normal, wenn Orakel sich nicht erfüllen, verlieren sie an Überzeugungskraft, sie interessieren uns nicht mehr.

Dann schüren die Gestrigen das Feuer der Angst und bleibt auch das erfolglos, dann werden einfach neue Ängste erfunden. Eine Bedrohung wird willkürlich aus alten, kulturell verankerten Ängsten geklont. Dann werden aktuelle Entwicklungen mit diesem Bedrohungsklon in Verbindung gebracht, und schließlich wird die eigene Botschaft als Antwort auf die Bedrohung emotional verankert. So wird Angst erzeugt und politisch genutzt.

An diesem Tag haben die Gestrigen jedoch schwere Verluste erlitten, politisch und symbolisch. Zunächst wurde trotz andauernder Proteste diese wehende Erlaubnis rassistisch, antisemitisch und homophob zu denken und zu handeln durch die Amerikanische Flagge ersetzt. Unter deren Schutz wurde jüngst die Gleichstellung von Schwulen und Lesben bei der Eheschließung beschlossen. Das tut dem normalen amerikanischen Nazi weh. Hunderte zogen vor das Kapitol und gaben ihrem Schmerz Ausdruck mit den üblichen Schlachtrufen von arischer Sauberkeit und weißer Dominanz.

Dabei ist die letzte gescheiterte Klon-Bedrohung noch gar nicht so lange her. „Obama-Care“, ein Gesetzesvorschlag zur gesundheitlichen Grundversorgung aller Amerikaner wurde von den Gestrigen zur kommunistischen Aggression um-operiert. Der Aspekt der Gleichheit, die in einer sozialen Gesundheitsversorgung nun einmal besteht, wurde zum Beginn einer sozialistischen Umwälzung ausgerufen, zutiefst amerikanische Werte seien bedroht. Verabschiedet wurde es trotzdem, in letzter Instanz vor dem Bundesgerichtshof. Das tat weh.

Aber dieses Foto, das jetzt gerade um die ganze Welt geht, ist der wirklich schwere Schlag für alle Gestrigen an diesem Tag in Columbia. Wir sehen einen schwarzen Polizisten, der einem älteren, weißen Mann die Treppe hinauf hilft, der offenbar gerade einen Schwächeanfall erleidet. Er ist augenscheinlich einer von den Demonstranten denn er trägt ein T-Shirt mit einem fetten Hakenkreuz auf der Brust. Dahinter auf der Treppe sieht man den Oberkörper einer Frau die wohl zu ihm gehört, denn sie trägt ebenfalls Hakenkreuz zum Anlass.

Die Strahlkraft dieses Fotos ist unentrinnbar und es schreit nach Kommentaren. Die eine Seite sagt: Natürlich, so ist das, genau so halten es die allermeisten Afro-Amerikaner – Werte und Würde. Aber was sagen die Gestrigen zu dem Bild? Wie können sie dieses Manifest der Liebe ideologisch zurechtrücken? Schwarzer in Uniform hilft Weißem Rassisten die Treppe rauf. Wie kann man das noch politisch rechtfertigen, emotional erträglich machen?

Interessant auch die spontanen Aussagen der beiden Nazis auf der Treppe. Laut Protokoll fragt nämlich Eva Braun den Polizisten wiederholt ob ihrem Mann eh nichts passieren wird, während Adi selbst nur ein paar mal schwach beteuert, dass er doch gar nicht von hier sei.

Die Nazi-Frau weiß ganz genau, dass sie provoziert und mit ihrer Haltung die Obrigkeit bedroht. Jene Obrigkeit, die ihrem Mann gerade das Leben rettet, ruhig, empathisch, und professionell. Sie geht in ihrer Verschwörungsmentalität natürlich davon aus, dass diese Empathie nur so lange reicht, bis ihr Mann wieder bei Kräften ist, und er dann zur Rechenschaft gezogen wird für das was er denkt, ruft, und anzieht.

Er aber, der alte schwache Arier, glaubt zu erkennen, dass es in South Carolina offenbar Afro-Amerikaner gibt, die der weißen Herrenrasse ihr kleines Nazi-Hobby irgendwie vergeben, die paar brennenden Kreuze gar nicht wahrnehmen, und die ständige Aufforderung zur Unterwerfung mehr so als Comedy sehen. Er riecht die Chance davonzukommen und bringt zur Entlastung seiner Ku Klux Klan-Position, dass er ja gar nicht von hier sei, was soviel bedeutet, als dass im Falle einer gerichtlichen Verfolgung sowieso ein anderer Bundesstaat zuständig wäre. Er gibt damit das Versprechen ab sofort nach Wiedererlangung seiner Kraft das Weite zu suchen. Ein Nazi weniger der Ärger macht. Das wäre der Deal.

Aber Leroy Smith, der Chef der städtischen Sicherheit, nimmt das alles nicht wahr. Den gebeugten Mann stützend macht er seinen Job und sie erklimmen beide Stufe für Stufe das Kapitol. Schließlich sind sie in der großen, kühlen Halle und Leroy setzt die weiße Vorherrschaft auf eine grüne Couch. Der Nazi atmet schwer. Schwarze, Schwule und Juden sind jetzt sein geringstes Problem, er hat Angst vor dem Tod.

Neben ihm seine treue, treue Begleiterin, im richtigen Leben wäre sie mindestens Gauleiterin. Sie meint, dass sie in Zukunft nur noch zu rassistischen Treffen fahren die näher an zu Hause liegen. Hat ja keinen Zweck. Und sie werden immer Wasser bei sich tragen, und sie hatte ja auch die völlig falschen Schuhe an, und er braucht so einen Hut mit großer Krempe wie ihn der Polizist hatte, wo ist er denn…?

Der sorgt gerade am Funkgerät dafür dass der Gestrige, der jetzt Angst ums Morgige hat, so rasch wie möglich ärztliche Betreuung erhält, egal ob er sich das leisten kann oder nicht. Wer in gesundheitliche Not gerät wird behandelt. Dann muss er erfahren, dass die Ambulanz nicht durchkommt, weil die weiße Rasse sich aggressiv in den Weg stellt.

Er geht also zu den zwei eingesunkenen Hakenkreuzen auf der grünen Couch und teilt ihnen ruhig und freundlich mit, dass es noch ein kleines Weilchen brauche bis der Notarzt da sei, aber sie sollen sich keine Sorgen machen, alles werde gut. Dann macht er sich wieder auf den Weg die Treppe hinunter in die keifende Menge, um seinen Leuten dabei zu helfen dass der Arzt durchkommt.

Inzwischen geht dieses Foto mit ihm und Adolf am Arm um die ganze Welt: Leroy Smith – das lebende Peace-Zeichen, das Symbol dafür dass es geht. Sehr kraftvoll. Leroy muss Interviews geben und wird immer wieder das gleiche gefragt, und er gibt immer die gleiche Antwort: Er habe nur seine Pflicht getan.

Und ich denke mir als Deutscher: Endlich! Endlich  macht dieser Satz einmal Sinn.

Sinnmacht/Alexander Goebel

Foto Twitter: Rob Godfrey, via Associated Press