Musical

Musical ist Teil meines Lebens und damit hätte ich nie gerechnet.

Meine Musik-Chromosomen hießen Elvis, Conny, und Arbeiterchor, damit bin ich aufgewachsen. Ich hatte keinerlei Berührungspunkte mit Musical, bis ich 1970 den Film „Easy Rider“ sah. Da verstand ich zum ersten Mal, dass eine Handlung durch den richtigen Einsatz der richtigen Musik emotional verstärkt wird und somit seine Botschaftsqualität steigern kann. Ich verstand die Botschaft des Films nicht nur – ich fühlte sie. Obwohl niemand der Darsteller auch nur einen Ton sang, war es die erste Erfahrung, die ich mit der Verschmelzung von Handlung, Schauspiel, Musik, und Botschaft machte. Mein erstes klassisches Musical sah ich ebenfalls im Kino: „Jesus Christ Superstar“, und da erfuhr ich, dass Musik emotional wesentlich sein kann, um eine bekannte Geschichte überhaupt oder neu zu begreifen. Die Sprache der Kunst, also Musik, Tanz, Darstellung, Energie, etc., machte es mir möglich meine persönliche Interpretation der Geschichte zu finden. Ich war beeindruckt, fühlte aber keinerlei Drang da einzusteigen, zumal zu jenem Zeitpunkt das Theater für mich weit weit weg war. Ich sang in einer Band und stand auf die Beatles. Einzig der Einstiegssong des Judas „Heaven on their minds“ faszinierte mich so, dass ich ihn lernte, nur für mich. Das sollte mir ein Jahrzehnt später zugute kommen.

Als ich 1972 mit einer Freundin und einer Kindergruppe das „Kindertheater Benjamin“ gründete, entschieden wir uns als Format des ersten selbst entwickelten Stückes für die Revue, also die Aneinanderreihung von Szenen, Songs, und Bewegung. Das kam auf der Bühne und im Publikum sehr gut an. Noch immer hatte ich keine Ahnung, dass Musical bereits eine Rolle für mich spielte. 1976, im ersten Jahr am Max Reinhard Seminar in Wien, engagierte mich Topsy Küppers an ihr Freies Theater Wieden für eine Travestie-Show namens „Girls Girls Girls“, in der ich, schwer zu erraten, ein Girl spielte. Es wurde gesungen, gespielt und getanzt. Hoch das Bein und laut die Stimme, aber ich war immer noch schimmerlos. 1977 eröffnete ich in der Rolle des „Orpheus“ zur Gitarre singend das neue Ensembletheater im Wiener Konzerthaus – kein Gedanke an Musical. 1979 wurde ich für „Romeo & Julia“ ans Wiener Volkstheater engagiert, und dort sah mich Rolf Kutschera, damals Direktor des Theaters an der Wien und der Mann, der das Musical in Wien begründete und groß machte, der wahre und einzige Mr. Musical in Wien. Er rief mich am nächsten Tag an und stellte mir die schicksalhafte Frage: „Sagen Sie, Goebel, würde Sie Musical interessieren?“ Da war es also, das erste Mal hörte ich den Begriff in direktem Zusammenhang mit meinem Namen. Ich bejahte nicht nur die Frage, sondern auch meine lebenslange Leidenschaft, denn endlich hatte sie einen Namen: Musical. Der Rest ist Biografie und Geschichte.

Heute ist Musical für mich eine Konstante und ein Hoffnungsträger. Wo immer ich auf der Welt bin, vor allem natürlich London und New York City, ist mir der Besuch eines Musicals wie Heimat, wie ein familiäres Spektakel, eine Sprache die ich kenne. Ich gehe gern in Musicals und ich spiele gerne Musical. Aber viel mehr noch interessiert mich der zukünftige Weg, die nächste Revolution des Musicals, der Übergang ins Kommunikationszeitalter: Musical 3.0. Ich sehe großartige Synergien mit Wirtschaft und Industrie im Format Musical aufgehen, ich sehe eine neue theatralische Sprache der Jugend, ich sehe die Instrumente Schauspiel, Musik, Bewegung, und Energie als Laserstrahl von Botschaften, die gesellschaftliche Relevanz haben. Musical ist: Attraktives Angebot für wichtige Inhalte in unterhaltsamer Form für möglichst viele Menschen. Es wird immer ein Teil meines Lebens sein – nur jetzt weiß ich’s.