Graz ist überall.

22.06.2015

Graz ist überall.

Reaktion auf die Ansprache des steirischen Landeshauptmanns nach dem Amoklauf in Graz. Hermann Schützenhöfer, gerade mal ein paar Tage im Amt als Landesvater der Steiermark, musste wie wir alle miterleben, wie ein Selbstmordattentäter der steirischen Hauptstadt die Unschuld nahm. Wer mit dem Auto Menschen abschießt hat sein leben aufgegeben.

Statt sich jedoch mit seinen Beraterinnen hinzusetzen und zu besprechen was jetzt am wichtigsten zu kommunizieren sei, reagiert er so wie wir es seit Jahrzehnten leider von sehr vielen PolitikerInnen gewohnt sind: beschwichtigen, simplifizieren, verleugnen der gesellschaftliche Realität. Dies sei die Tat eines einzelnen, psychisch kranken Mannes. Gemeint ist, dass wir uns als Gesellschaft keine Sorgen machen sollen. Und das beleidigt unsere emotionale Intelligenz.

 

Vielen reicht’s jetzt offenbar und sie machen das Maul auf. In Sozialen Medien, auf der Straße mit Schildern in der Hand, daheim vor dem Fernseher. Manche halten es überhaupt nicht mehr aus und brüllen ihre gefühlte Ungerechtigkeit hinaus indem sie sich und andere killen, per Auto oder per Sprengstoffgürtel. Täteropfer.

Es ist eine feige Simplifizierung der wahren Probleme und Ursachen sich selbst und allen anderen weismachen zu wollen, dies sei das einzelne Verbrechen eines Einzelnen, der unter psychischen Fehlfunktionen leide und mit seiner Wut nicht repräsentabel sei. Wir wissen aber, dass es nicht so ist, weil wir alle diese Wut spüren. Weil wir alle maßlos enttäuscht sind von den Heilsversprechungen eines wirtschaftlichen Systems, das glaubt sich selbst regeln zu können und zu dürfen. Wir sind enttäuscht von der Politik und ihrem Machtverlust gegenüber wirtschaftlichen Interessen Einzelner, und wir sind enttäuscht von Religions-Institutionen, denen die göttliche Macht wichtiger scheint als die göttliche Liebe.

Wir sind stinksauer weil wir alle unsere Leistung erbringen, so wie ausgemacht, aber nicht mehr die Gegenleistung erhalten wie ausgemacht, nämlich Sicherheit und Verlässlichkeit. Stattdessen werden wir mit neuen Hierarchien und neuen Strukturen konfrontiert, neuen Philosophien und neue Vorgangsweisen, wir haben neue Feinde und befinden uns in einem gnadenlosen, globalen Veränderungsprozess der uns überfordert. Als würde man uns ständig auf einen Zehnmeterturm jagen um neue Sprünge zu zeigen, ohne zu wissen ob Wasser im Becken ist.

Wir sind verunsichert, aber was uns von den Selbstmordattentätern unterscheidet ist, dass wir uns kontrollieren wollen. Auch wenn wir uns vorstellen können was den Mann emotional zu seiner Tat geführt hat, es ist keine Option die wir akzeptieren. Die global-mediale Berichterstattung hat den Amoklauf leider zum Pop- Instrument der Verzweiflungskommunikation gemacht. Je trauriger ich bin, desto drastischer meine Tat. Eitelkeit im Leid.

Den Angreifer jedoch als tragischen Einzelfall darzustellen, als Fehlfarbe der Natur, als sozialen Irrtum, ist so an der Realität vorbei gewünscht, dass auch die treueste Wählerin nur den Kopf schütteln kann. Dieser Amokfahrt ist Ausdruck für das was wir alle täglich spüren: Angst.

Die daraus resultierende Wut richtet sich dezidiert gegen die vermeintlich Mächtigen, die politischen Führungspersönlichkeiten, auf die wir uns verlassen haben und die sich jetzt verteidigen müssen. Das können oder wollen sie aber nicht und so kommen dann diese verzweifelten Versuche zustande, zu überdecken was doch offensichtlich ist.

Natürlich ist es einfacher für ihn und andere veraltete PolitikerInnen, (und das hat nichts mit Alter zu tun), weiter zu rufen es sei alles in Ordnung solange nur alle hübsch stillhalten und zur Arbeit gehen. Das entspricht aber nicht der emotionalen Realität im Land. Diese Haltung ist nicht nur zynisch und arrogant, sondern auch sozial gefährlich. Untätig zu warten bis es zur Katastrophe kommt und bis dahin nur für gute Laune zu sorgen ist zu wenig. Als würde der Kapitän der Titanic strahlend verkünden: „Der Swimming Pool ist eröffnet.“

Amok gibt es seit wir denken können, Menschen knallen durch wie Sicherungen, nur ist die Wut öffentlicher geworden. Die Selbstkontrolle aufzugeben ist so verführerisch um auf seine Verzweiflung hinzuweisen. Wir fühlen uns für selbstverständlich genommen, für ignoriert und übergangen, wir haben Angst aus der gelernten Wohlfühlzone raus zu müssen, die soziale Schere droht.

Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit, denn um das zu verhindern verlassen wir uns leider, so wie wir es gelernt haben, auf die Politik bevor wir selbst aktiv werden. Aber die kann nicht für uns übernehmen was wir selber leisten müssen um im Wohlstand zu bleiben, z. B. persönliche und berufliche Entwicklung. Politik kann nicht für uns lesen, sich informieren, eine eigene Meinung bilden, diese diskutieren, andere Standpunkte erfahren und lernen, und das ist auch nicht ihre Aufgabe. Aber unsere!

So, und jetzt gedenken wir der Angehörigen und Freunde der Opfer in Graz. Wir erklären uns in Trauer und Leid solidarisch und versprechen Besserung, persönlich und politisch. Wir gehen in uns, als Wähler und als Politiker, und wir beschließen, jeder für sich, eine neue Zusammenarbeit und ein neues Zusammenleben.

Niemand ist perfekt und niemand ideal. Es ist ab jetzt in Ordnung Angst zu haben, und keiner wird deswegen ausgeschlossen oder für schwach erklärt. Wir sprechen sie an, die Angst, wir lernen damit umzugehen, wir können sie sogar eliminieren, jede zu ihrer Zeit. Wir lernen aus unserem Scheitern und werden immer besser und treffen die besseren Entscheidungen, persönlich und als Gesellschaft. Ein Sinn-Angebot.

Graz ist überall.

Alexander Goebel, Sinnmacht