Genie und Charakter

14.07.2015

Genie und Charakter:

Für Bill Cosby wird es eng. Der amerikanische Comedian und Schauspieler, eine Ikone und Vorbild über 5 Jahrzehnte globaler Verehrung, wird höchst wahrscheinlich angeklagt. Er soll sein Leben lang Frauen vergewaltigt haben.

12 dieser Frauen haben sich jetzt eine Killer-Promi-Anwältin genommen, und die räumt auf. So musste Cosby inzwischen, Unschuldsvermutung hin oder her, alle seine Ehrenämter und Vorsitze aufgeben, Fernsehsender kündigten ihre Verträge mit ihm, Tourneen wurden abgesagt, öffentliche Auftritte vermieden. Er verwendet sein Millionen-Vermögen für eine Armada von Anwälten und führt ein mono-thematisches Leben in Verteidigungshaltung. Und das mit 77.

Warum sind wir so enttäuscht, wenn so etwas passiert, und es passiert ja nicht gerade selten? Erst kürzlich ging Jackie Fox mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. Sie war die Bassistin der „Runaways“, jener legendären ersten global erfolgreichen All Girl-Band aus der Joan Jett hervorging. Genau die aber, so beklagt Fox, habe während einer Party in den frühen Siebzigern unbeteiligt zugesehen, als sie, immerhin ihre Bandkollegin, vom Manager der Gruppe Kim Fowley brutal vergewaltigt wurde, nachdem er sie unter Drogen gesetzt hatte. Sie war gerade erst 16. Joan Jett weist alle Vorwürfe zurück.

Das Vorbild Cosby wurde entthront, ein Lotse aus dem Verkehr gezogen, ein Mensch in seiner Fehlbarkeit geoutet, und plötzlich wird alles angezweifelt was er je gesagt, getan und bewirkt hat. Wir fragen uns: Kann all das noch einen Wert haben, wenn es von einem so zynisch-brutalen Menschen vermittelt wurde?

Und er war so gut, so persönlich, so professionell und so authentisch, dachten wir. Jetzt fühlen wir uns verraten, von ihm, von seinen Thesen über familiäre Auseinandersetzung auf liebevollem Niveau, vom humorvollem Umgang miteinander, von den strikten Grenzen und moralischen Leitlinien, von Werten und Worten, nach denen wir uns richten wollten. Wir sind ihm auf den Leim gegangen.

Aber, echt jetzt, ist das nicht die Kernaufgabe von Entertainment? Kaufen wir nicht Unterhaltung, um einem Menschen, einem Produkt, einer Geschichte auf den Leim zu gehen? Wie kommen wir eigentlich dazu die Überbringer dieser Botschaften persönlich und privat mit deren Inhalten zu identifizieren? Wenn einer etwas schreibt, spielt, kommuniziert, so wie im Format einer Sitcom, muss er doch noch lange nicht danach leben. Aber genau das verlangen wir von ihm oder ihr als Darsteller, als Mensch, als jemand der gefälligst das zu leben hat was er oder sie da spielt. Das ist doch, pardon, Schwachsinn. Wir erwarten ja auch nicht, dass Anthony Hopkins, wenn er nicht gerade die nächste Folge als Hannibal Lecter dreht, in seiner Freizeit Menschen umbringt um sie zu verspeisen…

Je größer das Genie desto ungläubiger sind wir wenn sich herausstellt, dass so einer auch menschliche Defizite hat, vielleicht unfreundlich ist, geizig, aggressiv oder eben kriminell. Wir erwarten immer noch den perfekten Menschen damit er uns alle errette, und wehe er schafft das nicht. Dann kommt er an das Kreuz der medialen Öffentlichkeit. Er soll gefälligst unsere Probleme lösen, dafür sind Genies schließlich da.

Wir selbst haben ja keine Lust dazu, es ist zu mühsam. Also haben wir eine Beweiskette erfunden warum es uns unmöglich ist diese Arbeit zu leisten und die geht so: Wenn sich eine geniale Persönlichkeit für die Gesellschaft einsetzt, dann bedeutet es auch, dass eben nur ein Genie unsere Probleme dauerhaft lösen kann, keinesfalls ein einfacher Mensch. Bei der Größe und Komplexität unserer Probleme haben wir Normalos gar keine Chance, das kann nur ein Genie, da brauchen wir gar nicht erst anfangen.

Wir delegieren also unsere Verantwortung an Genies, die nur in einem ganz bestimmten Gebiet genial sind, im konkreten Fall im Showbusiness. Das sorgt für Entlastung des eigenen Gewissens, ist aber nicht ungefährlich, wie sich jetzt herausstellt. Wenn das Genie nämlich als Mensch jämmerlich versagt, und es ist schon jämmerlich, wenn ein Weltstar mit aller Kohle und allen Beziehungen dieser Welt meint Frauen betäuben zu müssen, damit er mit ihnen Sex haben kann, dann sind wir nicht nur von ihm enttäuscht, sondern auch von uns selbst: Wie konnten wir uns nur so irren.

Konfrontiert mit dem Faust’schen Deal, den wir mit uns selbst abgeschlossen haben, schämen wir uns jetzt. Wir haben unsere hehren Vorstellungen von Moral und Werten an einen Blender delegiert, einem Betrüger, einem Fake. Das muss gerächt werden, der Mann muss bestraft werden, wir fordern Satisfaktion!

Ich frage mich gerade wie ich wohl reagieren werde wenn ich irgendwann mal wieder eine Folge von „Cosby“ sehe. Werde ich sofort umschalten weil es mir peinlich ist? Boykottiere ich die Produkte die in und um die Show herum platziert sind? Das ist die Angst der Fernsehstationen und Rechteinhaber, wenn sich Sponsoren zurückziehen, weil schon der Verdacht verheerend ist. So etwas kann einen Sender existentiell bedrohen. Ich habe mich entschlossen die Botschaften vom Überbringer zu trennen, ich nehme einen guten Inhalt auch von einem schlechten Menschen entgegen. Ich kann das trennen. Es geht nur so.

Wenn wir alle Botschaften von allen Genies, die jemals menschlich strauchelten, verdammen und verbannen, dann bleibt die Welt bald stehen. Ich kann nicht iTunes ignorieren nur weil Steve Jobs herrschsüchtig und unfreundlich war. Ich kann nicht Chaplin-Filme verbannen nur weil der Mann gern minderjährige Mädchen heiratete. Ich kann die Relativitätstheorie nicht ablehnen nur weil Einstein kein guter Vater war. Niemand ist perfekt und schon gar nicht Genies.

Das bedeutet keinesfalls Carte Blanche für geniale Persönlichkeiten, jeder muss sich an die Gesetze des Zusammenlebens halten, Genie oder nicht. Aber es bedeutet, dass wir die Genialität als Fragment eines ganzen Menschen sehen sollten, und nicht als allumfassender Heiligenschein.

Ich werde keine charakterlichen Erwartungen mehr an geniale Menschen knüpfen. Genie & Charakter sind unterschiedliche Bestandteile von Menschen, die wir auch unterschiedlich zu betrachten und zu bemessen haben. Genie ist Aufgabe und nicht Ausrede. Für alle.

Alexander Goebel, Sinnmacht