Dies ist ein gutes Land!

17.08.2015

Dies ist ein gutes Land.

Über Generationen waren es die Menschen in Österreich gewohnt, sich in wichtigen Angelegenheiten mitunter komplett auf die Politik zu verlassen, nur um gleichzeitig bei jeder sich ergebenden Gelegenheit auf die Politiker zu schimpfen. Aber wehe man braucht etwas, eine Position, einen Gefallen, eine Bevorzugung, dann stehen sie schon auf der Tackn bei irgendwelchen Polit-Promis und betteln unterwürfig. Eine inkonsequente und schleimige Art durchs Leben zu gehen, aber kulturell akzeptiert und flächendeckend praktiziert. Die Menschen wissen sehr wohl was sie da tun, und tief im Inneren verachten sie sich auch dafür. Aber immer noch besser als sich selbst zu kümmern, etwa um die Bildung der Kinder oder Gottbehüte die eigene Weiterentwicklung. Warum lange anstrengen, wenn es durch kurzes Verbiegen auch geht.

Dennoch – dies ist ein gutes Land.

Ebenso im Arbeitsbereich. Man leckt konsequent die Ärsche derer die wichtig sind oder sein könnten, egal ob man sie respektiert oder nicht. Arschlecken als existenzieller Reflex. Integrität bedeutet für viele unter uns: Anstrengung ohne direkte Belohnung. Haltung kostet. Arbeit ist eine Formel in der Alltagsrechnung: Möglichst viel Ertrag bei möglichst wenig Aufwand.

Eigenverantwortung wird viel zu oft delegiert, an Kindergarten, an Schule, an die politische Führung, an alle die man still und heimlich damit beauftragt hat, dafür zuständig zu sein. Die sind dann auch schuld und dienen als jammernde Ausrede, wenn irgendwas schief geht. Hauptsache wir sind schöne Opfer und haben hässliche Schuldige auf die wir zeigen. Damit ist das Problem dann auch schon wieder erledigt. Bis zum nächsten mal.

Jetzt hat sich die Situation aber drastisch verändert. 2008 wurde der Glaube an die Heilsversprechen des bisherigen Kapitalismus schwer erschüttert. Wir mussten erkennen, dass der nette Bankberater mit der schönen Krawatte, der gestern noch dringend dazu riet, diese Goldmann/Lehmann/Madoff Aktien unbedingt zu halten, heute nur ein Schulterzucken dafür übrig hat, dass jemand gerade seine gesamten Ersparnisse verloren hat.

In der Arbeitswelt müssen wir erkennen, dass die zu leckenden Ärsche mittlerweile in New York oder Berlin sitzen und keine Zunge bis dorthin reicht. Stattdessen verlangen sie jetzt neue Leistung von uns, Flexibilität, Innovation und Engagement. Ständig kommen Veränderungen daher, wir sollen mitgehen ohne zu wissen wo es hingeht. Wir wollen uns aber nicht verändern, schließlich haben wir es „doch immer so gemacht…“

Die Menschen erkennen langsam, dass die Politik einen Großteil ihrer alleinigen, gesellschaftlichen Gestaltungsmacht an die Wirtschaft verloren hat, um es mal vorsichtig auszudrücken, sie ist kein verlässlicher Mauschel-Partner mehr. Dazu kommt jetzt alles raus, jede Schweinerei, ob groß oder klein. Die eigene fehlende Bildung, oft unreflektiert an die Kinder weitergegeben, wandelt sich nunmehr ohne Vorwarnung brutal in Arbeits- und Aussichtslosigkeit. Menschen aus „dem Osten“, die noch vor gar nicht langer Zeit arrogant als zurückgeblieben betrachtet wurden, stehen jetzt in erster Reihe für Jobs und Positionen, weil sie Englisch sprechen und Diplome vorzuweisen haben, allen voran die jungen Frauen.

Menschen sind ratlos, führungslos und hilflos. Sie bekommen schreckliche Angst, um ihre Häuser, ihre Autos, um ihr bürgerliches Leben. Und aus Angst wird immer Aggression. Weil sie aber schlecht auf sich selbst sauer sein können (das wäre ja zumindest mal ein Anfang zur Veränderung), sind sie auf jene sauer, die sie ihrer kleinen Meinung nach betrogen und im Stich gelassen haben: Die Politik. Die ist schuld. An überhaupt allem.

Und in dieser emotional ohnedies schon heiklen Situation kommen jetzt, und das ganz und gar nicht überraschend, Flüchtlinge ins Land. Ein Festmahl für die Hetzer und Populisten in Politik und Medien, jene die nichts gestalten müssen aber alles kritisieren dürfen, und dirigieren die Angst und die Aggression erstaunlich offen und durchschaubar auf diese wahrhaftig armen Menschen, die nichts besitzen als das was sie tragen können. Menschen die ein besseres Leben suchen, so wie wir es schon immer getan haben, seit wir vor siebzigtausend Jahren aus Ostafrika, der Wiege der Menschheit, aufgebrochen sind,  als wir noch alle schwarz waren.

Die Reaktionen vieler, aber gottseidank nicht aller Menschen im Land sind bekannt. Aber warum reagieren sie so? Glauben die tatsächlich, dass sie die Uhr der Entwicklung zurückdrehen können, indem sie auf ihren National-Chauvinismus bestehen. Sie zelebrieren ihre völlig irrelevante Angst vor „Überfremdung“, vor „Bedrohung nationaler Werte“ (die nie definiert wurden), und beklagen laut den Verlust ihrer Identität, mit der es ja wohl nicht so weit her sein kann, wenn schon ein paar verängstigte Kriegs-Flüchtlinge sie gefährden können.

Dies ist kein fremdenfeindliches Land, das beweisen die offenen österreichischen Arme, mit denen Menschen die flüchten mussten stets aufgenommen wurden: 1956 Urgarn-Aufstand, 1968 Prager Frühling, 1989 DDR-Flüchtlinge, 1991 Jugoslawienkrieg. Aber dieses Land ist emotional destabilisiert und niemand will es wahrhaben. Viele versuchen noch schnell ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, während der Tsunami der Zeit bereits haushoch über uns zusammenschlägt.

Jetzt brauchen wir einen neuen Spirit, neue Leitlinien, neue Hoffnung und neue Zuversicht. Wir brauchen Führungspersönlichkeiten die Mut machen, statt Verzweiflung zu schüren, die stark voraus gehen, statt feige die Angst vor sich herzutreiben, die Charakter haben, ihrer Integrität folgen, die ethische Werte über materielle stellen. Wir brauchen Ehrenfrauen und Ehrenmänner. Keine perfekten Menschen, die gibt es nicht, aber Persönlichkeiten die begreifen, dass es eine großartige Aufgabe ist, eine Chance und ein Geschenk des Himmels, wenn man Menschen führen darf.

Worauf sonst wollen wir denn zurückblicken, wenn es dereinst soweit ist, und wir uns lächelnd von dieser Welt verabschieden? Doch wohl auf ein erfülltes Leben, in dessen Verlauf wir das Böse in uns kontrolliert haben, so gut es eben ging. Wir wollen uns sagen können, dass wir gefolgt sind woran wir glauben: der Menschlichkeit. Und nichts macht glücklicher als unter Menschen zu sein, die ebenso denken und ebenso handeln. Davon gibt es sehr, sehr viele hier. Ich bestehe drauf: Dies ist ein gutes Land.