Deutsche Arbeitnehmer

09.06.2015

Man kann ein Problem nicht mit den gleichen Denkstrukturen lösen, die zu seiner Entstehung beigetragen haben. (Albert Einstein)

Deutsche Arbeitnehmer sind unzufrieden obwohl sie es nicht sein dürften, zumindest was jene Fakten betrifft, die zu solchen Messungen benutzt werden. Zu diesem Ergebnis ist die Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zu einer aktuellen Studie gekommen, die im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) durchgeführt wurde. Ich zitiere die FAZ vom 3. Mai 2015:

Der jährliche Urlaubsanspruch etwa sei mit durchschnittlich über 31 Tagen auf Rekordhöhe, gleichzeitig liege die tarifliche Wochenarbeitszeit mit 38 Stunden auf einem Tiefstand, während die Löhne weiter stiegen. So könnten sich Arbeitnehmer in Westdeutschland mit einem Lohn von 16,25 Euro pro Stunde und Arbeitnehmer in Ostdeutschland mit einem Lohn von 12,54 Euro pro Stunde mehr leisten als je zuvor in der Nachkriegsgeschichte des Landes, so die Studie.

Dennoch sind laut einer Befragung des Personaldienstleisters Manpower rund 45% ganz und gar nicht zufrieden und erwägen sich einen neuen Arbeitsplatz zu suchen. Innere Kündigung nennt man diesen emotionalen Zustand, mit dem also offenbar knapp die Hälfte der Menschen täglich zur Arbeit geht. Was ist das Problem? Das Gefühl! 14 Prozent der Befragten der Manpower-Studie wünschen sich mehr Abwechslung an ihrem Arbeitsplatz, und damit ist wohl die Herausforderung gemeint. 13 Prozent wollten mehr Anerkennung für ihre Leistung, da werden kleine Gesten der Wertschätzung genannt, wie kostenloses Obst oder Süßigkeiten etwa. Gemeint ist wieder etwas anderes: das Lob. Offenbar haben sich schon alle daran gewöhnt, dass es allzu vielen Führungspersönlichkeiten schwer bis unmöglich ist, Mitarbeiter zu loben, direkt, persönlich und authentisch. Sie akzeptieren bereits die Übersetzung der Botschaft in Obst und Süßigkeiten, traurig genug. Wenn das aber auch ausbleibt wird das emotionale Defizit immer größer und endet ultimativ im Abgang.

Warum es so vielen Menschen schwer fällt jemanden zu loben, ob Mitarbeiter, den Ehepartner, oder die eigenen Kinder, bleibt ein Rätsel das zu lösen die Sozialpsychologen, die Psychiater, die Philosophen und die Sinnforscher angetreten sind. Meine Meinung: es hat mit Macht zu tun, sie ist für mich ein Epizentrum unglaublich vieler negativer Strukturen, Entwicklungen und Situationen, von der Liebesbeziehung bis zum Arbeitsplatz. Die neue Zusammenarbeit kann und wird nur auf der Basis von reduzierter Nachtausübung (nicht reduzierter Macht an sich) und gesteigerter Kooperation stattfinden können, wobei der Übergang von der einen in die andere Philosophie das wirklich Schwierige zu sein scheint. Da brauchen die Menschen Hilfe und Zuversicht, so etwas lässt sich nicht per Dekret befehlen, abgesehen davon dass diese Kommunikationsform der Botschaft selbst inhaltlich vollkommen wieersprechen würde. Was also tun?

Unternehmenskultur ist hier nicht nur das Problem sondern gleichsam auch seine Lösung. Die neue Kultur der Zusammenarbeit, samt entsprechender Strukturen, braucht eine Kultur des Scheiterns, die für Innovation überlebensnotwendig ist, sowie eine Kultur der Eigenverantwortung, das sind die Schlüssel. Um den Herausforderungen der globalen Märkte und dem atemberaubenden Tempo der Entwicklungen auf nahezu jedem Geschäftsgebiet entsprechen zu können, muss es eine Gewichtsverlagerung in der Gläubigkeit geben. Eine Art religiösen Wandel, von der Verehrung der Fakten hin zur Anerkennung und Pflege der metaphysischen Gestaltungs- und Produktivitätskraft von Gefühlen. Es geht um Gute Gefühle.

Bedenkt man die Ergebnisse einer weiteren Umfrage, die im Auftrag der Apotheken-Umschau von der GfK Meinungsforschung unter 1083 Arbeitnehmern durchgeführt wurde bestätigen sich die o. a. Vermutungen (FAZ 1. 5. 2015): 29,3 Prozent der Befragten in Deutschland sehen die Arbeit als ihren wichtigsten Lebensinhalt. Gleichzeitig sagten 37,2 Prozent der Befragten, dass es für sie früher rund um die Uhr nur ihre Arbeit gegeben habe, sie dies aber mittlerweile geändert hätten. 11,8 Prozent gaben jedoch an, der Beruf lasse ihnen keine Zeit mehr für Partner oder Familie. Über mangelnde Anerkennung im Job trotz hohen Einsatzes klagten ähnlich wie in der Manpower-Studie 29,5 Prozent der Berufstätigen. Den Gedanken, dass die eigene Arbeit sinnlos sei, hätten 8,2 Prozent und somit jeder zwölfte der befragten Berufstätigen. Burn Out – Kandidaten in der Warteschleife.

Wie werden Unternehmen, Wirtschaft und Gesellschaft darauf reagieren? Werden sie sich auf die Fakten berufen und darauf bestehen, dass es den arbeitenden Menschen in Deutschland seit Kriegsende noch nie so gut gegangen ist, dass sie also gefälligst ihre Haltung und Erwartungen entsprechend verändern sollen? Mission impossible – wir sind was wir sind und wir fühlen was wir fühlen. Sinn kann man nicht befehlen, nur erleben. Und vorleben muss das Unternehmen. Wollen wir psychisch und physisch gesunde Mitarbeiter die ein vitales Interesse am Weiterkommen des Unternehmens bzw. der Wirtschaft ihres Landes haben so müssen wir nicht nur Strukturen verändern sondern vor allem Philosophien. Wie geht das? Einmal mehr: Unternehmenskultur!

Durch die Kultur können wir in die Art und Weise eingreifen, wie Menschen miteinander kommunizieren, wie sie ihre Haltung zum Unternehmen und dessen Aufgaben empfinden, ihre Selbstreflexion stützen und die Nutzbarkeit produktiver emotionaler Landschaften in eine Kultur der Kooperation und Innovation einbinden. Um die Maßnahmen, die es braucht um solche emotionalen Change-Prozesse zu entwerfen und durchzuführen und neue Denkweisen im Unternehmen (und idealerweise in der gesamten Wirtschaft) als Leitbild zu implementieren, bedarf es Experten, die Situationen erkennen, analysieren und durch invasive emotionale Maßnahmen verändern können: Künstler können das.

Und bevor sie jetzt fragen: „Ja gut, aber wo sind die denn?“, bevor sie monieren, dass Sie von keinen Künstlern wissen, die wirtschaftliche Probleme kennen und verstehen, geschweige denn sich damit herumschlagen wollen, dann bedenken Sie, dass dieser Text hier von einem Künstler geschrieben wurde. Es gibt sie also, und wenn Sie, verehrte Damen und Herren mit unternehmerischer Entscheidungsbefugnis sich für eine entsprechende Zusammenarbeit auf Augenhöhe offen und bereit erklären, dann werden es auch immer mehr die sich dafür interessieren und einsetzen. Ich verspreche es.

Die Wirtschaft kann die emotionale Dimension von Arbeit im Zeitalter der Vernetzung nicht mehr ignorieren denn es besteht dringender Handlungsbedarf . Unternehmen sind nicht mehr darauf angewiesen, in Ermangelung von Alternativen, mit alten Denkweisen auf neue Probleme zu reagieren. Sie haben jetzt uns. Und Einstein.

Alexander Goebel, Sinnmacht