Aus emotionaler Sicht:

27.03.2015

Aus emotionaler Sicht: Das Auswahlsystem für Piloten der Lufthansa ist wahrscheinlich eines der rigidesten und gründlichsten der Welt. Dazu gehört eine Bestandsaufnahme des psychologischen Zustands der Kandidaten. Man muss es „Bestandsaufnahme“ nennen, denn es wird in der Folge offenbar davon ausgegangen, dass dieser festgestellte Status Quo zu Beginn einer Laufbahn, die alles andere als frei ist von Erfolgsdruck und psychischen Anforderungen, von der enormen Verantwortung mal ganz abgesehen, als Bestand stabil bleibt und zwar bis zum Ende der Karriere. Das ist unmenschlich und arrogant. Unmenschlich weil wir alle mit emotionalen Herausforderungen konfrontiert sind denen wir uns stellen müssen, und arrogant deshalb, weil Unternehmen wie Lufthansa offenbar davon ausgehen, dass dies wohl Privatsache sei. Das ist doch erstaunlich angesichts der Menschenleben einerseits, und der Unternehmenswerte andererseits, um die es hier geht.

Emotionaler Druck wurde vom Unternehmen bisher nur dann als bedrohlich empfunden wenn er nachweisbar die Entscheidungen des Piloten in Tests beeinträchtigt hat und das wird im Schnitt alle drei Monate am Simulator umfassend überprüft. Das Leben gibt es aber nicht als Simulatorprogramm, da gibt’s keine Tests, da ist jede Entscheidung wahrhaftig und final. Die emotionale Gesundheit einzelner Menschen in höchst verantwortlichen Positionen, wie etwa Piloten von Verkehrsmaschinen, ist ein gesamt-gesellschaftliches Thema, wir sind alle betroffen und somit alle in der Verantwortung. Was ist zu tun?

Kultur! Eine Gesellschaft die es endlich zulassen muss, dass sich Menschen ihrer seelischen Herausforderungen nicht mehr schämen müssen, darüber sprechen dürfen ohne berufliche oder private Nachteile befürchten zu müssen. Und Unternehmenskulturen, die dafür sorgen, dass ihre VerantwortungsträgerInnen nicht nur auf ihren physischen Zustand und gewisse prozessuale Reflexe abgeprüft werden, sondern auch den emotionalen Gesundheitszustand als wesentlich für alle Entscheidungen anerkennt und gegebenenfalls Therapie anbietet, eine Art seelischer Fitnessraum.

Das gilt nicht nur für Piloten. Die Damen und Herren die uns in die Finanzwirtschaftskrise 2008 gebracht haben waren in ähnlichen emotionalen Situationen, nur dass sie ihre Angst vor dem nicht- gut- genug- Sein, ihren Ergebnis-Druck, ihre Sehnsucht nach innerer Ordnung und Balance auf andere Weise bewältigen wollten indem sie gierig nach Dingen und Status und Macht strebten. Von neurotischem Spieltrieb und grundsätzlichen Borderline-Persönlichkeiten ganz abgesehen.

Gehen wir offen damit um, dass wir emotionale Wesen sind und nehmen wir unseren seelischen Gesundheitszuständen mit denen wir alle leben müssen ihren anachronistischen kulturellen Beigeschmack und ihre persönliche und berufliche Bedrohlichkeit. Entwickeln wir eine emotional freundliche Kultur, in und außerhalb der Unternehmen. Wer kann das? Die Kunst! Wir sind bereit.