Andreas, Conchita, und die Eierparade.

09.04.2015

Andreas, Conchita, und die Eierparade.

Eine österliche Nachbesprechung.

Der eine sieht sich veranlasst eine Preisverleihung für gesellschaftspolitische Kritik zu nutzen, warum auch nicht, hat schon Marlon Brando seine Oscar-Verleihung eingesetzt, um auf die traurige Situation der Indianer Nordamerikas aufmerksam zu machen (nicht dass dies jemals ein Vergleich sein könnte…). Und die andere hat eine Kunstwelt erschaffen, die uns nicht nur unterhalten sondern auch als Modell dienen soll, das ist ihre Botschaft. Beide haben diesen messianischen Strahl der das periphere Sichtfeld verblendet.

Herr Gabalier sieht sich in der Pflicht auszusprechen was für die Hälfte aller ÖsterreicherInnen zu gelten scheint: „Wir sind irritiert!“ Die Männer grundsätzlich, denn Frauen sind bedrohlich weil sie können einen ja verlassen, also an den Herd mit ihnen. Stop, aus, Moment – da ist kein Platz mehr, da stehen ja jetzt die Männer in männlichen Schürzen und kochen männlich, weil sie glauben sich so der Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschlecht entziehen zu können. Süß irgendwie.

Und jene Frauen, die sich als kurzer Balken des Kreuzes empfinden, unterstützen die „So war’s immer-Philosophie“ weil sie in der Leidenstradition der archaischen Beziehung so viel Stabilität vermuten. Rückzug in die Opfer-Haltung, sozial akzeptiert und gestützt, um so dem emanzipatorischem Erfolgsdruck und der Eigenverantwortung zu entgehen. Auch süß. Irgendwie…

Dazu sagt er aber nichts, der Andreas, damit lässt er uns ganz schön allein. Dabei wäre er jetzt so wichtig, um uns das ganze Mann-Frau-Ding zu erklären, mit der Beziehung und den Gefühlen und der Liebe und dem Sex. Stattdessen wirft er uns weise Orakel entgegen:

Manderl, Weiberl, Angst und Werte. Heimat 4.0.

Durchaus integer, wenn er seine Fans auch philosophisch vertritt, aber unprofessionell, weil er sich als Produkt freiwillig beschränkt auf Konsumenten nur dieser Denkart. Wenn einer wie Andreas in aller Öffentlichkeit zur Angst bläst, weil eine wie Conchita jetzt Chefin ist, dann ist das wie hirschgeweihtes Wasser auf die Stirnen derer die meinen, dass die Conchitas dieser Welt froh sein sollten überhaupt geduldet zu sein, ab und zu etwas geschmäht und gedemütigt zu werden, aber ansonsten unsichtbar in ihren Ghettos zu bleiben haben. Dazu passend: Mädchen werden Friseurin und Frauen haben zu verzeihen, von Seitensprung bis Faustschlag.

Die Gefährlichkeit solcher Botschaften zu begreifen ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit einManagement, damit hat man sich zu befassen bevor man sein Multimillionen-Produkt auf die Bühne gehen lässt um dankeszureden. Denn was wird sein: Natürlich wird sich der Künstler demnächst rechtfertigen müssen, wird abmildern und erklären, dass er auf keinen Fall homophob sei und er von seiner Frau niemals Gehorsam verlangen würde, Kinder hin und Haushalt her. Aber das werden ihm die Fans, die er eben noch bestätigt, bestärkt und gesalbt hat, übel nehmen, ihm unterstellen es gehe ihm also doch nur um Geld und Erfolg und sie werden sich emotional abwenden. So wird aus einer nicht zu Ende gedachten Spaß-Botschaft eine ernste geschäftliche Bedrohung.

Gutes Management lässt seinen Künstler Verbindendes sagen und eine friedliche Koexistenz preisen, gemäß der Werte dieses wunderbaren Landes das sogar Volksmusik mit Rock zulässt. Damit hätte er versöhnt, beruhigt, und dazu noch Publikums- und Konsumenten-Segmente interessiert und animiert, die er vorher vielleicht nicht angesprochen hat. How to manage a Star 1.0.

Conchita hat den Anspruch, dass die reale Welt, in der es Conchita als Naturprodukt nie geben kann, sie trotzdem als solches annimmt. Sie will auch für die bartlosen Frauen und die kleiderlosen Männer stehen, aber die sind eben irritiert. Kerle mit Bärten sehen den Bart an Conchita irgendwie verschwendet, entehrt, jedenfalls aller männlichen Signalkraft nach innen und außen beraubt – Conchita hat dem Bart die Eier genommen.

Aber genau auf die besteht Andreas, das ist sein Kreuz. Sein sexueller Bahnübergang ist beschränkt. Die Eier, die er meint, sieht er gewissermaßen als bedrohte Art, kurz vor der Ausrottung, er muss warnen, er muss ihnen beistehen, das befiehlt allein die wadenfreie Gesinnung.

Eierparade – die eine versteckt sie elegant, der andere lobpreist sie orthodox, aber beide sollten aufpassen nicht zu Eiergängern zu werden.

Alexander Goebel, Sinnmacht