Aus emotionaler Sicht: Tod im Tabu

31.03.2015

Aus emotionaler Sicht: Tod im Tabu. Europäische und US-amerikanische Luftfahrtbehörden sind sich jetzt darüber einig, dass es ein großer Irrtum war, sich auf des Prinzip der (Berufs-)Ehre zu verlassen, auf Integrität und Verantwortungsgefühl, wenn es um die hoch sensiblen Themen der psychischen und emotionalen Befindlichkeit ihrer Piloten geht.

Bei den regelmäßigen Untersuchungen und Tests wurden die Piloten auf  standardisierten Fragebögen gefragt wie es ihnen gehe. Ein schneller Haken, und unangenehme Fragen waren vom Tisch. Man ist in der Unternehmensführung davon ausgegangen, dass niemand, der so viel Verantwortung über Menschenleben und Wirtschaftswerte trägt, auf die Idee kommen könnte hier vorsätzlich zu lügen. An die Notlüge (im wahren Sinn des Wortes) hatte niemand gedacht. Dass jemand bereit ist zu lügen und alles zu riskieren, aus empfundener Not alles zu verlieren, das war der durchreglementierten Organisation nicht vorstellbar.

Man ging also, da sind Unternehmen nicht anders als Menschen, mit seinem rein kognitiven Gehirn vor, das emotionale Gehirn wurde gar nicht erst bemüht. Wobei es nicht fest steht, dass Piloten mit seelischen, psychischen, emotionalen Problemen und Aufgaben dadurch automatisch berufsunfähig sind. Das sollte mich wundern. Jedes Menschenleben ein Mahnmal, das wir diese Dimension unserer Gesundheit, unseres menschlichen Daseins, nun wirklich offen annehmen und ihr jene Beachtung zukommen zu lassen, die ihr gebührt. Wir sehen ja was passiert wenn wir das nicht tun.

Solche Strukturen und die dazugehörige Philosophie sind erstaunlich, schon gar in einer Branche, die nanomillimetergenau arbeiten muss, um ihr wirtschaftliches Überleben im beinharten globalen Wettbewerb nicht zu gefährden. Ich kann mir nicht helfen, irgendwie erinnert mich das stark an die Finanzdienstleistungs-Krise 2008, als die Beteiligten sich ebenfalls darauf geeinigt hatten, dass in ihrer Welt eigene Werte gelten, eine eigene Moral und die eigene Ethik. Werte waren an persönliche Fantasien gekoppelt, das Spiel hatte seine eigene Moral, und die Ethik wich einem internen Rechtfertigungssystem.

Die kommerzielle Luftfahrt lebt von der Genauigkeit, Menschen an einen bestimmten Ort zu bringen, zu einer ganz bestimmten Zeit, mittels Flugmaschinen, die ganz genau funktionieren müssen um das möglich zu machen. Organisationen, die akribisch und detailliert arbeiten um alles Messbare zu kontrollieren, jede noch so kleine Irrtums- und somit Verlustgefahr zu erkennen und sofort zu eliminieren.

Man kontrolliert, misst, regelt, aber gleichzeitig weiß man natürlich, dass die menschliche Emotion ein Mysterium von unvorstellbarer Dimensionen ist das sich weder verallgemeinern noch reglementieren lässt und von außen gänzlich unbeherrschbar ist. Aber von innen ist es beherrschbar, wenngleich nicht kontrollierbar, es arbeitet nicht im Geheimen, auch wenn es manchmal den Anschein hat, es lässt sich erkennen, besprechen und behandeln.

Das Unternehmen weist die Verantwortung wegen Überforderung wieder an den Menschen zurück, damit jeder sich selbst um sein emotionales Wohl kümmert. Und seit der Erfindung der Psychoanalyse gibt es ja auch die Therapien mit Störungen so umzugehen, inklusive einer sensiblen Einstellung auf Psychopharmaka, dass ein erfülltes und produktives Leben möglich ist. Aber ohne die Auseinandersetzung, ohne den Diskurs, das Gespräch, den Vergleich, ohne den empathischen Austausch leidet die Selbstwahrnehmung zunehmend und endet wie im vorliegenden Fall. So geht das nicht.

Wir Menschen brauchen andere Menschen um Hilfe anzubieten und Hilfe anzunehmen. Doch das Thema der seelischen Balance ist nach wie vor weitgehend tabuisiert, darüber wird nicht gesprochen weil es Nachteile bringt, beruflich und privat. Die unsägliche Dog- eat- Dog- Kultur im Wettbewerb, dieser Psycho-Darwinismus, sorgt für jene Ausweglosigkeit, in der dieser eine Mensch gesteckt haben muss als er wusste, dass sein Position beruflich bedroht war, dass sein gesellschaftlichen Status leiden würde, dass er ein Verlierer in einer Welt der Gewinner sein würde. Die Angst es in einer anderen Position oder einem anderen Beruf nicht mehr so weit zu bringen behaftet mit dem lebenslangen Makel einmal Lufthansa-Pilot auf einem Airbus gewesen zu sein, der wegen psychischer Probleme aufhören musste. Offenbar niemand mit dem er darüber sprechen konnte, offen, ehrlich und vertrauensvoll. Und dazu, quasi als Overkill, das Unverständnis, dass es überhaupt so sein muss und die Ohnmacht es zu ändern.

In einer Welt in der es nahezu eine Sprache geworden ist, seiner Verzweiflung Ausdruck zu verleihen indem man Unschuldige mit in den Freitod nimmt, Männer die verlassen werden und die Kinder umbringen, Kinder die mit der Welt nicht zurecht kommen und ihre Mitschüler erschießen, Suicide by Cop, und eben Piloten, die ihre Maschinen abstürzen lassen. In einer Untersuchung gleicher Fälle von 1993 – 2012 in den USA wurde festgestellt, dass von den acht betroffenen Piloten fünf vorher über ihre Probleme gesprochen hatten, aber nicht ernst genommen wurden. Wir ignorieren solche Signale lieber, als uns mit ihnen, mit den Menschen und den Konsequenzen auseinanderzusetzen.

Weil es verbotenes Land ist, kulturell negativ besetzt, emotional verwirrend weil so komplex. Aber nach dem Crash sind wir entsetzt, empört, betroffen und aggressiv. Dabei könnten wir es sofort ändern indem wir darauf bestehen darüber zu sprechen, uns nicht mehr verheimlichen und ein Selbstbewusstsein entwickeln, als Gesellschaft und als Individuen. Wir schätzen Persönlichkeiten, die sich physisch UND emotional gesund halten und ggf. therapeutische Hilfe annehmen, die selbstverständlich, so wie jeder andere Arztbesuch auch, von der Krankenkasse übernommen wird. Wertvolle Mitglieder einer Leistungsgesellschaft die stets besser werden will.

Die Wahrheit: Statt uns kollektiv und progressiv um unsere emotionale Volksgesundheit zu kümmern sperren wir das Problem lieber in einen dunklen Turm, wie die Irren vor 800 Jahren. Und weiter herrscht die diabolische Dreifaltigkeit aus Tabu, Angst, und Ohnmacht. An diesem einen Tag, für diesen einen Menschen, ergab sich eine Möglichkeit das Tabu zu brechen, die Angst zu überwinden und die Ohnmacht zu beenden. Mit einem Hilfeschrei, der nicht zu überhören wäre, würde er auf seine Verzweiflung aufmerksam machen, die er mit so vielen anderen teilt, und er nahm149 mit in den Tod aus Tabu.

Alexander Goebel, Sinnmacht